Froschfresser!

Vor einer Woche war ich mit - teilweise französischen - Freunden auf dem Rad unterwegs. Plötzlich kam mir ein anderer Radfahrer entgegen, der auf dem Gehweg und in der Falsche Richtung fuhr. Anstatt zu bremsen (oder noch besser: zu dem richtigen Radweg, gegenüber, zu wechseln), schlug er mich ziemlich hart an die Schulter und fuhr weiter. Ich schimpfte laut. Der Typ drehte sich um und fuhr langsam zurück zu uns.

Ich wollte zuerst angreifen, zum Glück erinnerte ich mich früh genug, dass ich 60 Kilos wiegte und dass ich schon bei Street Fighter auf dem Game Gear keinen Straßenkampf gewinnen könnte. Also kam der gewaltbereite Fahrradfahrer und fang eine lange Schimpftirade an. Ich war von seinem Aussehen beeindruckt, er erschien mir so nah. Er war Anfang dreißig (wie ich), hatte ein cooles Fixie (wie ich), trug eine doofe Designer-Sonnenbrille (wie ich) und konnte AfD-ähnliche Slogans ernsthaft deklamieren (ich nicht).

Er erzählte, dass ich ihm im Weg gestanden habe und dass er, weil er es eilig hatte, natürlich geschlagen habe. In Berlin sei es so, sagte er. Zehn Minuten lang versuchte ich ihm zu erklären, dass er, wenn seine Eile wirklich so groß war, besser gehen sollte. Anscheinend war sein Bedürfnis, uns zu beleidigen, noch größer. Endlich haute er ab und dann sagte er das letzte Wort:

“Froschfresser!”

Ich war entsetzt. Ich, ein weißer Mann, sollte der sein, der von Fremdenfeindlichkeit verdächtig sein sollte. Opfer davon zu sein kam mich nie wirklich wie eine Möglichkeit vor.

“Froschfresser” kommt vermutlich aus dem goldenen Zeitalter der europäischen Nationalismen, aus der Zeit um den ersten Weltkrieg. Leider konnte ich der Ursprung des Wortes nicht bestätigen, denn die Digitalisierung deutscher Archive geht noch langsamer als die Bauarbeit am BER. (Nur eine Belgische Zeitschrift schrieb 1936, dass Froschfresser der Äquivalent von “Boche” oder “Hun” für Deutsche war). Obwohl einige deutschen es als Spitzname nutzen, belibt das Wort sehr abwertend, ähnlich etwa zu “Neger” oder “Schlitzaugen”.

Was tun? Wenn ich als Deutscher französischer Herkunft in der Straße beleidigt werde, muss ich eine Abwehrstrategie entwickeln. Ich habe zuerst an einer Selbstverteidigungsgruppe gedacht, wie die Jüdische Verteidigungsliga, aber nur Nazis machen so was. Dann spielte ich mit der Idee, einen Verband zu gründen, um die Interessen von Deutsch-Franzosen zu schützen. Das kam mir aber sehr langweilig vor.

Dann wusste ich. Ich würde Rap machen und die Beleidigung ercoolen1. Den Kunstnamen habe ich schon, ich bin jetzt Froschfressah bei Soundcloud. Die Lyrics fließen von selbst:

Ich verbrenn’ die Butter, auf die Pfanne wie Öl
Ich erschlag meinen Frosch, und dreh das Feuer hoch
Ich tue die Beine rein, alles was ich hab knistert schön.
Mein altes Essen schmeckt wie ‘n labbriger Toast.
Brat mir auch Knoblauch, und noch dazu Petersilie
Ich bin Froschfressah, besser noch als Peter Frosch.

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Notes

1. Deutsch für ‘cool machen’.


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